The Wolf of Wall Street – Drogen, nackte Frauen, Leonardo DiCaprio

The Wolf of Wall Street war am Anfang ja eher so “The Wolf of Blockbuster”, “The Wolf of Oscar-Gewinner” und “The Wolf of jeder muss diesen Film gesehen haben”. Und genau aus diesem Grund mied ich diesen Film sehr lange.

Mir kamen sehr gute Kritiken unter die Augen, aber auch sehr schlechte. Einige sagten: “Schau diesen Film nicht, wenn du den Trailer gesehen hast, mehr gibt es nicht zu sehen.” Oder: “Furchtbar langweilig!”

Trotz der Hin- und Hergerissenen Meinungen (sehr normal, gerade bei einem Blockbuster), gab ich irgendwann nach und sah ihn mir an – vollkommen ohne Erwartungen. Bis auf die paar Schlüsselszenen, die mir schon gespoilert wurden.

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Die “Furchtbar langweilig!” Kritik kann ich ganz und gar nicht teilen. Ich bin im nachhinein so froh, mir die 3 Stunden im Kino “angetan” zu haben. Ich habe mich mit diesem Film vollkommen wohl gefühlt. Als wäre der Film ein wirklich netter Begleiter für den Abend, mit dem man sich gut unterhält, herzhaft lachen kann und auch mal explizite Themen anspricht, bei dem man etwas geschockt ist. Man fühlt sich, als würde eine Person – Leonardo DiCaprio – dir ihre Lebengeschichte erzählen, ehrlich, vielleicht etwas übertrieben und sehr subjektiv. Aber genau das macht es so interessant. Es ist eine echte Geschichte, die von einem echten Menschen erzählt wird und genau diese Struktur hat Scorsese so authentisch wiedergegeben, dass man wirklich denkt, man hätte mit Jordan Belfort ein Date gehabt und sich einfach herrlich amüsiert.

Wieso auch nicht, jeder kennt den Freund im Freundeskreis, der es einfach immer übertreibt, der schockierende Geschichten auf Lager hat, der einfach das Leben auskostet bis er von ganz oben, nach ganz unten fällt. Warum sollte man sich jetzt also darüber aufregen, dass alles viel zu sexuell aufgeputscht wird oder die vielen Orgien zu explizit und zu subjektiv dargestellt werden? “Martin Scorsese lebt seine sexuelle Frustration durch den Film aus.” Vielleicht stimmt das, aber genau das macht den Film doch authentisch? Es wäre doch nicht eine Geschichte der Gier nach Macht, der Sucht nach Drogen und Geld und Frauen, wenn man den Zeigefinger erhoben hätte und eine Moral am Ende eingebaut hätte. “Liebe Kinder, Frauen sollten nicht so benutzt werden.” Richtig, aber das gehört nicht in diese Welt, nicht in diesen Film.

THE WOLF OF WALL STREET

Es ist eine Geschichte über Sucht. Sucht nach allem was Spaß macht. Vor allem aber Sucht nach Geld und nach Macht. Und diese Darstellung, der Aufbau dieser Sucht, die Entwicklung die Jordan Belfort vollzogen hat, die ist explizit und aufgedunsen aber dadurch so unendlich echt. Natürlich wird übertrieben, maßlos. Aber wer glaubt, im echten Leben würde es nicht wirklich so zugehen, der lebt wohl hinterm Mond. Das alles sollte nicht gutgeheißen werden, keineswegs. Ebenso wenig nimmt sich der Film toternst. Es gibt so viele Szenen, Dialoge und auch einfache Austausche von Blicken, die zeigen: “Nehmt es mit Humor! Natürlich finde ich das nicht okay, aber dies soll auch keine Lobrede sein!”

Ich finde es großartig, dass ein Film es schafft, so viele Menschen in ihren Meinungen zu zerreissen, so viel Gesprächsstoff zu liefern. Ich finde es großartig, dass der Film schafft, dass man sich ekelt, dass man den Kopf schüttelt, dass man Personen verurteilt, dass man mitleidet, dass man sich herzhaft kaputt lacht und fast den Schmerz spürt. Wenn jemand schafft, all diese Gefühle in einem Film rüber zu bringen, dann ist das schon eine Leistung.

Viel von dieser wahrlich großartigen Leistung ist jedoch auch den Schauspielern zu Gute zu schreiben. Leonardo DiCaprio versucht ernsthaft so stark, sich diesen Oscar zu krallen. Er gibt sich solche Mühe, ohne Rücksicht auf Verluste (wobei es nur um ihn selbst geht). Er lebt die Rolle, man glaubt ihm jede Sekunde. Man kann die Gier nach Macht in seinen Augen ablesen. Man glaubt ihm die Entwicklung und man glaubt ihm den Fall. DiCaprio hat mit vielen Filmen auf diesen hin gearbeitet um hier wieder einmal zu zeigen, welch grandioser Schauspieler er doch ist. Die Academy sollte ihm endlich seinen verdienten Oscar geben.

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Ich fand die Zusammenstellung der Schauspieler wunderbar und richtig passend. Die Kritik, Matthew McConaughey würde furchtbar aussehen, “als sei er auf Drogen – wie konnten sie das nur tun!” ist daneben, denn genau das sollte sein Aussehen doch ausdrücken! Jahre lange Drogenexzesse machen aus dir natürlich keinen Schönling! Und deswegen sieht DiCaprio am Ende auch so unendlich mitgenommen aus. Deswegen wirkt es so echt. Aber auch die Nebendarsteller sind wirklich gut. Die Musik super eingebaut, die Bilder wirken einfach grandios. Selbst die wirklich übertriebene Szene auf dem Meer mit den Riesenwellen und dem danach explodierendem Flugzeug. Wunderbar in Szene gesetzt mit deim einzigen Ziel: durch dieses absurde unwirkliche Szenario zu zeigen wie viel Glück Belfort eigentlich hat, welches Schwein er hat überhaupt noch zu leben.

Die vielen und auch langen Dialoge haben für mich die Qualität des Films deutlich erhöht. Wenn jemand sagt, der Film sei zu lang, die Dialoge zu langweilig, der passt einfach nur nicht richtig auf. Wer redet denn im echten Leben nur “zack zack” und weiß immer genau was er sagen soll? Gespräche sind lang und auch im Film sollten einfach “echte” Gespräche stattfinden. Auch wenn sie so sehr merkwürdig rüberkommen, wie die Szene am Anfang beim Essen mit DiCaprio und McConaughey und letzterer komisch singt und summt. Das ist absurd und witzig und wird nur absurder und witziger, aber genau das macht die Szene aus, genau das will sie bewirken. Die Absurdität dieser Welt darstellen.

Ich finde also, Scorsese hat zusammen mit DiCaprio einen wundervollen Film geschaffen, der als Unterhaltung dienen soll, nicht als Lehre. Der mit einem Zwinkern angesehen werden sollte, nicht mit dem Moral-Zeigefinger. Wenn man diese beiden Sachen beachtet, dann kann man 3 Stunden wirklich guter Zeit bekommen. Lasst euch drauf ein und ihr werdet Spaß haben.

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Titel / OV Titel: The Wolf of Wall Street
Schauspieler: Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie
Regisseur/Produzent: Martin Scorsese
Erscheinungsdatum: 16. Januar 2014

Reviewer: Anne
Reviewmedium: Kino
Rating: 5 von 5