Nymphomaniac 1 – Lars von Trier und eine Geschichte über Sex

Lars von Trier macht keine einfachen Filme. Denkt man an Antichrist, Melancholia oder Dogville, ist Dogville noch der einfach verträglichste. Und das will was heißen. Melancholia war schon schwermütig, aber trotzdem irgendwie gut. Auf Lars von Trier muss man sich einlassen. Man sollte vorher definitiv wissen, mit welchem Filmemacher es man hier zu tun hat. Achtung! Geht nicht ohne Wissen in diesen Film! Nicht vom Wissen, aber von Lars von Trier.

Denn jeder, der das ohne zu wissen, was abgeht, tut, wird enttäuscht sein. Oder angeekelt. Oder gelangweilt. Oder alles. Aber Leute: es geht um Nymphomanie. Und ihr regt euch über zu viele Sexszenen auf? Ihr guckt doch eh auch alle heimlich Pornos, also wieso beschwert ihr euch? Eine Nymphomanin erzählt ihre Geschichte und da kommt nunmal viel explizierter Kram vor, auch jugendlicher Leichtsinn, auch krasse Sachen die nicht alltäglich sind, die aber Teenager nunmal machen. Und ihr beschwert euch? „Ein zu langer Porno mit Story die keine ist.“ Seh ich anders.

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Geh ohne Erwartung in den Film. Nur mit dem Namen im Kopf: von Trier. Erwarte das Unerwartete. Erwarte nicht zu verstehen was du siehst, erwarte keine pure Ernsthaftigkeit, erwarte Tiefe, erwarte Leichtsinn.

Allein die Anfangsszene hat mich Zwiegespalten gelassen. Nahaufnahmen von Tropfen die ein Dach runter tropfen, Muttern aufgereiht, ein Hinterhof, die blutige Hand eines Mädchens. Einzelbilder. Dann der gesamte Hinterhof – Etablishment Shot auf eine andere Art und Weise – und Rammstein. Mein Gefühl: orr, mega tiefsinnige Bilder die bestimmt alle analysiert werden können, das steht für das usw, langweilig! Los mach weiter. Und dann: Alter! Genial! Diese Einführung einer Szenerie ist ungewöhnlich, aber so irre gut, dass man sie erst versteht, wenn sie schon vorbei ist. Es passiert rein gar nichts – aber ich bin begeistert.

Ja, manche Szenen sind lang gezogen. Ja, manches ergibt keinen Sinn. Ja, es gibt dramaturgische logische Ungereimtheiten. So what? Der Film wollte nie und wird nie den Anspruch auf Echtheit erheben. Wieso stellen die Leute immer an jeden Film diesen Anspruch? Lars von Trier zeigt, dass er sich selbst nicht wirklich ernst nimmt. Warum auch? Es gibt wirklich sehr viele Szenen, bei denen man lachen muss. Bei denen das ganze (sehr volle) Kino gelacht hat. Anspruch zu Unterhalten: check. Anspruch zu Provozieren: doublecheck!

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Ich mag total die filmische Umsetzung der Metaphern. Die Metapher des Angelns, die Metapher der Orgelmusik. Allein, dass, wenn man mal drüber nachdenkt, die Metaphern wirklich richtig gut passen. Auch die Umsetzung in graphische Bilder (keine Nacktszenen) ist unglaublich gut gelungen. Die filmischen Aspekte, die von Trier nutzt um die Metaphern an den Zuschauer zu bringen sind einfach vielfältig, verständlich, ergeben Sinn und machen einfach Spaß. Es ist kein Film, bei dem man seinen Kopf anstrengen muss um die Metaphern überhaupt mitzubekommen, die werden einem förmlich ins Gesicht gedrückt und wirklich gut erklärt.

Der Film wird, trotz der Länge, keineswegs langweilig, durch die Unterteilung in Kapitel (5 im ersten Teil), die alle auch dramaturgisch unterschiedlich aufgebaut sind. Eines ist sogar in Schwarzweiß. Das letzte Kapitel wird nicht nur durch die Metapher aufgeteilt, sondern auch der Screen wird aufgeteilt in drei Teile, die nach der erzählten kurzen Geschichte, alle wieder auftauchen.

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Liest man die Reviews auf imdb.com merkt man schnell, dass viele den Film absolut nicht mochten und jede Sekunde kritisieren. Ich denke schon, dass es sicherlich Sachen gibt, die ich nicht okay finde, wenn ich noch einmal drüber nachdenke. Aber das allgemeine Gefühl, dass ich nach einem Film habe, dass beeinflusst meine Meinung. Und mein Gefühl war positiv. Ich wurde unterhalten, zum nachdenken gebracht, provoziert, zum lachen gebracht. Und das macht für mich einfach einen sehr guten Film aus. Es macht Spaß Filme zu sehen, die Gesprächsstoff geben. Klar, sind reine Unterhaltungsfilme auch schön. Aber als Filmfreak ist es einfach viel toller, den Film zu besprechen, auf einzelne Szenen wieder einzugehen und zu überlegen, was sie bedeuten könnten. Das muss nicht zwingend der Fall sein, aber ich mag solche Filme. Gesprächsstoff-Filme.

Die letzte Szene – der Höhepunkt des erstes Teils – im Zusammenspiel mit dem Abspann (wieder Rammstein und Szenen vom zweiten Teil) machen Lust auf mehr. Bestes Werbemittel! Kann den zweiten Teil kaum erwarten.

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Titel / OV Titel: Nymphomaniac 1
Schauspieler: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Stacy Martin , Shia LaBeouf, Christian Slater, Uma Thurman
Regisseur/Produzent: Lars von Trier
Erscheinungsdatum: 20. Februar 2014

Reviewer: Anne
Reviewmedium: Kino
Rating: 4,5 von 5